Astrologisch gesehen gilt Wassermann als schwer durchschaubar, ungewöhnlich, unerwartet, unlogisch und unverbindlich. Für mich ist er „ein Buch mit sieben Siegeln“ und erweckt gerade deshalb meine Neugier und meinen Drang nach Entschlüsselung des besagten Buches.
„Die Neugier steht immer an erster Stelle eines Problems, das gelöst werden will.“
Galileo Galilei
Von allen 12 astrologischen Tierkreiszeichen stach das Zeichen Wassermann schon immer für mich heraus. Was genau soll ein Wassermann sein? Ein Wasserwesen?
Der alte Herrscher von Wassermann ist der Planet Saturn, der für Begrenzung steht. Er wurde durch Uranus abgelöst, der im Jahr 1781 entdeckt wurde und seither als neuer Herrscher von Wassermann gilt. Uranus steht für Entgrenzung. Begrenzung und Entgrenzung – wie passt das zusammen?
Bemerkenswert finde ich auch, dass das Sternbild Wassermann in einer Himmelsgegend liegt, die als „Wasserreich“ bekannt ist. Es ist von lauter Sternbildern umgeben, die „auch“ Wasserwesen sind. Das Tierkreiszeichen Wassermann jedoch ist dem Element Luft zugeordnet. Das kommt mir ziemlich schräg vor, also „wassermännisch“.
Für mich sind hier einige offene Fragen, die mir bisher nicht beantwortet werden konnten. Also mache ich mich selbst auf den Weg. „Eine Reise ist ein Trunk aus der Quelle des Lebens“, sagte einst Christian Friedrich Hebbel.
Ich weiß nicht, wohin mich diese Reise führen wird, aber wagen will ich sie. Dieser Blog befasst sich sowohl mit dem Tierkreiszeichen als auch mit dem Sternbild Wassermann. Wundere Dich nicht, wenn ich fröhlich zwischen beiden hin- und herspringe. Es mag verrückt und „out of the box“ erscheinen … Wassermann eben.
„Da wurde mir klar, dass entweder ich verrückt war oder die Welt. Und ich tippte auf die Welt. Und natürlich hatte ich recht.“
Jack Kerouac
Beginnen möchte ich, anders als sonst, mit dem Tarot.
Die dem Tierkreiszeichen Wassermann zugeordnete Tarotkarte ist der Narr mit der Zahl 0. „Wassermann“ wird unter Astrologen gerne als Narr im Tierkreis bezeichnet. Er nimmt sich alle Freiheiten heraus (Narrenfreiheit) und entzieht sich jeder Begrenzung.
Die Zahl 0 symbolisiert „alles und nichts“ und birgt grenzenloses Potenzial. Sie ist weder positiv noch negativ und ist so etwas wie Neuland.
Willkommen im Reich von Wassermann, im Lateinischen, Englischen und Französischen als „Aquarius“ bezeichnet.

Die 12 Tierkreiszeichen und ihre Sternbilder liegen auf der Ekliptik. Während ein Tierkreiszeichen immer die gleiche Größe hat, sind die Sternbilder unterschiedlich groß. Früher entsprachen die Tierkreiszeichen den Sternbildern. Im Laufe der Zeit, durch die Präzession der Erdachse und die Wanderung des Frühlingspunktes, sind Sternbilder und Zeichen heute um circa einen Monat verschoben. Während die Sonne von Mitte Januar bis Mitte Februar im Tierkreiszeichen Wassermann steht (passend zur Narren- oder Fastnachtszeit), so finden wir sie von Mitte Februar bis Mitte März im Sternbild Wassermann.
Meteorologisch gesehen ist die Wassermann-Zeit von Mitte Januar bis Mitte Februar auf der Nordhalbkugel der Hochwinter. Es ist die kälteste Zeit des Jahres. Wir finden Dauerfrost, Schnee und eisige Winde. Die Vegetation ruht.
Wurdest Du im Zeitraum vom 21.01. bis 19.02. geboren, dann stand die Sonne zum Zeitpunkt Deiner Geburt in genau diesem Zeichen. Dann würdest Du sagen: „Ich bin Wassermann.“
Es sind die ersten Februartage 2026, während ich diesen Blog schreibe, und da befinden sich – man höre und staune – 5 Planeten im Zeichen Wassermann: die Sonne, Merkur, Venus, Mars und Pluto. Ready for Take-Off!

Das Tierkreiszeichen Wassermann ist das 11. Zeichen bzw. das 11. Haus im astrologischen Tierkreis. Am 11.11. beginnt die Zeit der Narren. Zur Fastnachtszeit steht die Welt mancherorts Kopf. „Wassermann“ ist ein fixes Zeichen im Element Luft, das für den Geist steht. Luft verbindet alles Lebendige.
„Wenn keine Narren auf der Welt wären, was wäre dann die Welt?“
Johann Wolfgang von Goethe
„Wassermännern“ werden ja ein gewisser Idealismus und eine gewisse Sturheit nachgesagt, was ihre Ansichten anbelangt. Es sind die Visionäre im Tierkreis, die an ihren Idealen festhalten, auch gegen alle Widerstände.
„Im Laufe der Jahrhunderte gab es Personen, die erste Schritte unternahmen, neue Wege beschritten, bewaffnet mit nichts als ihrer eigenen Vision.“
Ayn Rand

Als Tierkreiszeichen ist Wassermann dem Element Luft zugeordnet und nicht dem Wasser. Das sorgt regelmäßig für Verwunderung, steckt doch das Wort „Wasser“ in „Wassermann“ oder „Wasserträger“, so dass man zuerst auf das Element Wasser schließen würde.
„Aquarius“ leitet sich von den lateinischen Wörtern „aqua“ (Wasser) und „rius“ (Fluss) ab. Die Bedeutung ist also „Wasserfluss“.
„Life in us is like the water in a river.“
Henry David Thoreau
Die Elemente-Lehre in der westlichen Astrologie kennen wir seit der griechischen Antike, geprägt durch den griechischen Philosophen Empedokles (ca. 495 v. Chr. bis ca. 435 v. Chr.). Er gilt als Begründer der klassischen Vier-Elemente-Lehre, die die 4 Urstoffe Feuer, Wasser, Luft und Erde als gleichwertig ansieht. Ein bedeutender Meilenstein. Alles, was danach kam, basiert darauf.
Anstelle der mythischen Schöpfungsgeschichten trat zu jener Epoche die Suche nach dem einen Urstoff, aus dem alles entstanden ist und aus dem alles Seiende besteht. Es war der Übergang vom Mythos zum Logos. Bereits vor Empedokles suchten griechische Naturphilosophen nach diesem einen Urstoff und hatten unterschiedliche Ansichten. Das war um ca. 600 v. Chr.
Thales von Milet befand, es sei Wasser:
„Das Prinzip aller Dinge ist Wasser, aus Wasser ist alles und ins Wasser kehrt alles zurück.“
Thales von Milet
Anaximenes entschied sich für Luft und Heraklit wählte Feuer usw. Anaximander machte gar eine ganz andere Ursubstanz aus, nämlich Apeiron („das, was grenzenlos ist“).
Die meisten Schöpfungsgeschichten beginnen mit Wasser, so auch die biblische. Oft ist Wasser das Symbol für das Ur-Chaos und das Formlose, aus dem durch eine göttliche Macht Ordnung und Leben, also Form, hervorgehen. Wasser ist Fülle und Leere zugleich.
„Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde. Und die Erde war wüst und leer, und Finsternis lag auf der Tiefe; und der Geist Gottes schwebte über dem Wasser.“
1. Mose 1,1–1,2; Lutherbibel 2017
Lass uns nun einen Blick auf das Wassermann-Symbol werfen:

„Life is a wave, which in no two consecutive moments of its existence is composed of the same particles.“
John Tyndall
Das Wassermann-Symbol zeigt zwei Wellenlinien, die wir als Wasser oder Luft interpretieren können, denn sowohl Wasser als auch Luft sind wellenartige Energieformen. Beides sind Energiequellen und Energieträger. Sie werden als formlos bezeichnet. Wasser nimmt die Form des Gefäßes an, in dem es sich befindet, und Luft breitet sich aus. Wir kennen Wasserwellen, elektromagnetische Wellen, Schallwellen etc. Jede Welle ist bewegt und überträgt einen Impuls.
„If you want to find the secrets of the universe, think in terms of energy, frequency, and vibration.“
Nikola Tesla
So können wir die Wellenlinien in Bezug auf das Wasser als Wasserstrom oder Wasserfluss sehen und im Zusammenhang mit Luft als Gedankenstrom oder Gedankenfluss. Die Bewegungsrichtung eines Flusses ist nach vorne, von der Quelle zur Mündung. Und auch „Wassermann“ schaut stets nach vorn und nicht zurück. Für ihn gibt es nur eine Zielrichtung: die Zukunft.
Das Bild des Wassermanns ist das des Wasserträgers. Darstellungen zeigen ihn als Mann, der einen Wasserkrug (in früheren Zeiten eine Amphore) schultert oder trägt, aus dem Wasser fließt. Dem Wortlaut entsprechend trägt oder bringt ein Wasserträger Wasser.
Wasserträger war mal ein Beruf. Als es noch kein Wasserversorgungssystem gab, transportierte ein Wasserträger Wasser für ein geringfügiges Entgelt in Behältnissen von öffentlichen Wasserstellen zu den Menschen. Es war ein gering bezahlter und schlecht angesehener Beruf. Auch heute gibt es Regionen auf der Welt, in denen Wasserträger unterwegs sind. Wieso? Weil es keine Wasserversorgung gibt oder Wasserknappheit herrscht. Es herrscht Wasserstress, ein perfektes „Wassermann“-Wort. Stress, eine Schattenseite von „Wassermann“.
„Wasserträger“ ist im astrologischen Zusammenhang eigentlich ein inkorrektes Wort. Im Englischen ist Aquarius als „Water Bearer“ und nicht als „Water Carrier“ bekannt, weil es nicht um das Tragen von Wasser geht, sondern um das Ausgießen von Wasser. Im Französischen ist Aquarius der „Verseau“ („Wassergießer“), was sich zusammensetzt aus „verser“ (gießen) und „eau“ (Wasser).
Genau genommen müsste „Aquarius“ so etwas heißen wie z. B. „der, der den Fluss des Lebens ausschüttet“, aber das ist viel Text für eine Himmelskonstellation.
„Only when we find the spring of wisdom in our own life can it flow to future generations.“
Thich Nhat Hanh
Vom Tierkreiszeichen Wassermann nun zum Sternbild Wassermann.
„Wenn man den Sternenhimmel betrachtet, steht eine Schönheit vor uns auf, die uns entzückt und beseligt. Und es wird ein Gefühl in unsere Seele kommen, das alle unsere Leiden und Bekümmernisse majestätisch überhüllt und verstummen macht und uns eine Größe und Ruhe gibt, der man sich andächtig und dankbar beugt.“
Adalbert Stifter
So sieht das wunderschöne Sternbild Wassermann aus:

Das Sternbild Wassermann ist eines der ältesten Sternbilder überhaupt. Wenn wir auf das Sternbild blicken, ist der Wasserträger auch nicht mit viel Fantasie erkennbar. Und trotzdem sind „Wassermann“ und „Wasserträger“ eng miteinander verbunden, wenn nicht gar identisch.
Von Mitte Februar bis Mitte März steht die Sonne im Sternbild Wassermann. In dieser Zeit ist dieses unauffällige Sternbild mit dem bloßen Auge nicht zu sehen, da es mit der Sonne auf- und untergeht. Nichtsdestotrotz weißt Du, dass das Sternbild in dieser Zeit dort ist, wo die Sonne ist. Du musst also mit dem Herzen sehen.
Von seiner Fläche her ist das Sternbild Wassermann eines der größten am Himmel. Allerdings ist es kein auffälliges Sternbild, da es keine besonders hellen Sterne hat. Es gilt als Sternbild des Südhimmels, ist aber auch von der Nordhalbkugel zu beobachten, am besten im Herbst – beste Sichtbarkeit im Oktober – flach über dem Horizont im Süden. Es steht unterhalb des markanten Herbstvierecks, auch Pegasusquadrat genannt. Im Sternbild Wassermann finden wir auch den bekannten Helixnebel NGC 7293, der auch als „Auge Gottes“ bezeichnet wird. Schau mal hier:

Das Sternbild Wassermann befindet sich in einer Region am Himmel, die als „Meer“ oder „himmlisches Meer“ bezeichnet wird.
„Meet me where the sky touches the sea.
Jennifer Donnelly
Wait for me where the world begins.“
Und so verwundert es wenig, dass im Umkreis des Sternbildes Wassermann viele andere Sternbilder stehen, die ebenfalls einen Bezug zum Wasser haben. Fast alle von ihnen sind Wasserwesen:
- Walfisch (lat. Cetus)
- Fische (lat. Pisces)
- Delphin (lat. Delphinus)
- Adler (lat. Aquila)
- Südlicher Fisch (lat. Piscis Austrinus)
- Steinbock (lat. Capricornus), der früher auch Ziegenfisch genannt wurde
- Eridanus (lat. Eridanus), ein großer Fluss in der griechischen Mythologie
„Il y a un spectacle plus grand que la mer, c’est le ciel;
Victor Hugo
il y a un spectacle plus grand que le ciel, c’est l’intérieur de l’âme.“
Die nachfolgende alte Sternkarte zeigt Dir das Sternbild Wassermann in Form des Wasserträgers. Es liegt zwischen den Sternbildern Fische und Steinbock:

Und hier die Übersetzungen, Französisch/Deutsch:
Le Verseau = Wassermann
Le Dauphin = Delphin
Les Poissons = Fische
La Baleine = Walfisch
Le Poisson Austral = Südlicher Fisch
Le Capricorne = Steinbock bzw. Ziegenfisch
Wenn Du dem Lauf des Wassers folgst, siehst Du, dass das Wasser aus dem Krug in das Maul des „Südlichen Fisches“ fließt. Dieses Maul stellt der hellste Stern des Sternbildes „Südlicher Fisch“ dar: Fomalhaut (wörtlich: Maul des Fisches). So fließt das Wasser aus dem Krug von „Wassermann“, markiert durch den Riesenstern Situla (Kappa Aquarii), und mündet in den Stern Fomalhaut von „Südlicher Fisch“. Der Wasserfluss wird „Fluvius aquarii“ genannt, der lebenspendende Fluss des Wassermanns. Du weißt: Das Wasser kann ohne Fische auskommen, aber kein Fisch ohne Wasser.
Auf der obigen Sternkarte symbolisiert der Wasserträger den gelockten Knaben Ganymed aus dem griechischen Mythos. Ganymed galt als schönster aller Sterblichen und als Geliebter des Zeus. Als Hirtenknabe wurde der schöne Jüngling von Zeus in Gestalt eines Adlers geraubt und auf den Olymp gebracht. Zeus machte Ganymed unsterblich und verlieh ihm ewige Jugend. Ganymed wurde Mundschenk und löste Hebe ab, die Göttin der Jugend und bis dahin Mundschenk der Götter. Nun war es Ganymed, der die Götter auf dem Olymp bewirten durfte. Man erzählt, dass die Amphore voller Nektar war, ein Lebenselixier und nie versiegender Quell. Ganymed versorgte die Götter mit Nektar und der Götterspeise Ambrosia, was Unsterblichkeit und ewige Jugend verlieh.
„I know that I am mortal by nature, and ephemeral; but when I trace at my pleasure the windings to and fro of the heavenly bodies I no longer touch earth with my feet: I stand in the presence of Zeus himself and take my fill of ambrosia, food of the gods.“
Ptolemy
Der hellste Stern im Sternbild Wassermann ist Sadalsuud, ein gelblich leuchtender Stern. Er repräsentiert den linken Ellenbogen des Wasserträgers. Sadalsuud kommt aus dem Arabischen und bedeutet „Glücksstern für alle“ oder „Glück des Glückes“. Der zweithellste Stern nennt sich Sadalmelik, was „Glücksstern des Königs“ bedeutet. Und ein weiterer Stern heißt Sadachbia, was sich mit „Glücksstern der Zelte“ übersetzt. „Wassermann“ beherbergt also mehrere Glückssterne. Ein anderes Wort für Glück ist Wohlergehen und Wasser ist die Basis für Wohlergehen.

„In uns selbst liegen die Sterne unseres Glücks.“
Heinrich Heine
Das Sternbild Wassermann jedoch ist viel älter als der griechische Mythos von Ganymed. Deshalb lass uns eine Zeitreise unternehmen zurück in die Zeit der Sumerer, was ca. 2500 v. Chr. war. Wer weiß das schon so genau?
Die Sumerer lebten im südlichen Mesopotamien, im Zweistromland, dem heutigen Irak und Syrien. Das Zweistromland zwischen den Flüssen Euphrat und Tigris galt als äußerst fruchtbares Land, weshalb sich Menschen dort niederließen und sich dem Ackerbau widmeten. Besiedelt wurde und wird immer dort, wo es Wasser gibt, denn Wasser ist Leben. So auch im Zweistromland. Die großen Wassermengen von Euphrat und Tigris führten zu großen Überschwemmungen, die ja Segen und Fluch gleichermaßen sein können. Dort war es wohl mehr Segen, sonst hätten sich Menschen in jener Region nicht niedergelassen. Überschwemmungen begünstigten den Ackerbau und durch ausgeklügelte Bewässerungssysteme versuchte man, die Fluten zu nutzen und zu kontrollieren. Der Winter war Regenbringer und wichtig für Aussaat und Anbau. Die Kombination aus Winterregen und Überschwemmungen machte das Zweistromland zu einer Art irdischem Paradies.
Das Land gilt als Wiege der Zivilisation, in der die ersten Hochkulturen entstanden. Als vermutlich erste Schrift der Menschheit entstand hier die Keilschrift. Die sumerische Keilschrift gilt als Ursprung der Mathematik und Astronomie und sie begann als Bilderschrift. Alles wurde in weichen Ton geritzt, den es im Zweistromland reichlich gab. Die Tafeln wurden danach getrocknet oder gebrannt. Und so finden sich die ersten Aufzeichnungen auf Keilschrifttontafeln. Fiel so eine Tafel runter …

Der erste Sternkatalog findet sich auf solchen Tontafeln, mulAPIN genannt. Wir würden es heute als Standardwerk bezeichnen. Spätere Sternkataloge basierten darauf. Auf diesen Tafeln fand und findet sich das astronomische Wissen der damaligen Zeit, das natürlich ausschließlich auf Beobachtungen beruhte. Es ist jahrtausendealtes Wissen. Beobachten und protokollieren war das, was man tat. Aus den gewonnenen Erkenntnissen folgten astronomische Berechnungen und Vorhersagen. Die sogenannten mulAPIN-Tafeln sind frühe astronomische Werke aus der Zeit vor 700 v. Chr. mit Wissen über Sterne und Sternbilder, Sternnamen, Planetenbewegungen, Auf- und Untergänge von Planeten, Sternen und Sternbildern, Himmelserscheinungen usw.
„Wassermann“ war Teil des babylonischen Tierkreises. Auf den mulAPIN-Tafeln wird er als GU.LA bezeichnet, was „Der Großartige“ (The Great One) bedeutet. Da darf man sich fragen, wer dieser Großartige denn war. Gemeint ist der hochgeachtete sumerische Gott Enki, der den Menschen Weisheit, Zivilisation und Kultur brachte.
Gott Enki stammt aus der frühsumerischen Zeit, also aus ca. 3000 v. Chr. Da gab es keine Elemente-Lehre. Er war in der sumerischen Mythologie Sohn des Himmelsgottes An und Nammu, der Göttin des Wassers und der Schöpfung. Er war ein Schöpfergott, Gott des kosmischen Süßwasserozeans Abzu und Gott der Weisheit. Das Leben bringende Wasser ist Süßwasser und für das Leben an Land essentiell. Es gilt als Lebenselixier der Erde und ist die Quelle der Fruchtbarkeit. Man nannte Enki auch „Gott der lebenspendenden Feuchtigkeit“ oder „Gott des Lebens“. Die sumerischen Bauern beteten ihn an, wenn sie um Wasser baten.
Wasser darf man als großes Glück bezeichnen. Von daher passen die Glückssterne Sadalsuud, Sadalmelik und Sadachbia wunderbar in dieses Sternbild.
Alte Darstellungen von Enki zeigen seine zentrale Verbindung zum Wasser. Schau Dir mal diese Keilschrifttafel mit Enki an:

Die Hörnerkrone ist ein Kennzeichen der Göttlichkeit, Schöpferkraft und Fruchtbarkeit.
Markant sind die Wasserströme, die aus Enkis beiden Schultern sprudeln. Sie symbolisieren die Flüsse Euphrat und Tigris, die beiden bedeutenden Ströme des antiken Zweistromlandes. Die Wasserströme betonen die Bedeutung von Wasser in jener Zeit. Dazu die Fische, uraltes Symbol für Fruchtbarkeit und Leben.
Man könnte sagen: Als „Wasserspender“ ist Enki „Lebensspender“. Sein Wasser brachte große Fruchtbarkeit ins Land. Und so verwundert es wenig, dass das Zweistromland jenes Land ist, wo der biblische Garten Eden vermutet wird, das irdische Paradies.
„Wasser ist die treibende Kraft der Natur.“
Leonardo da Vinci
Enkis Begleittier war der Ziegenfisch, ein Mischwesen aus Ziege und Fisch. Heute kennen wir den Ziegenfisch als Steinbock. Der Ziegenfisch symbolisiert die Verbindung von Erde (Ziege) und Wasser (Fisch). Der Herrscher des Tierkreiszeichens Steinbock (lat. Capricornus) ist Saturn, Gott des Ackerbaus. Dem Zeichen Steinbock ist das Element Erde zugeordnet. Saturn zählt zu den Fruchtbarkeitsgottheiten, was erstaunen mag. Gleichzeitig ist es wenig verwunderlich, dass er als alter Herrscher des Zeichens Wassermann galt.
Die nach Saturn benannten antiken römischen Saturnalien sind mit dem heutigen Fasching vergleichbar. Es wurde gefeiert, was das Zeug hielt, und es war erlaubt, was sonst verboten war. Die gewohnte Ordnung wurde auf den Kopf gestellt. Das erinnert zweifelsohne an „Wassermann“. Gefeiert wurde um den 17. Dezember. Es war ein Festtag zu Ehren von Saturn.
Zurück zu Enki:
Enki galt als wohlwollender Gott und Menschenfreund. In verschiedenen Mythen gilt er gar als Erschaffer der Menschen aus Lehm. Wir können also davon ausgehen, dass das, was sich aus dem Krug oder der Amphore des Wasserträgers ergießt, zum Wohle der Menschen ist. Es ist das Wasser des Lebens und es ergießt sich in das Sternbild Südlicher Fisch. Dort ist es am besten aufgehoben, denn kein Fisch kann ohne Wasser leben.
„Der ist wie ein Baum, gepflanzt an Wasserbächen,
Psalm 1,3; Elberfelder Bibel
der seine Frucht bringt zu seiner Zeit,
und dessen Laub nicht verwelkt;
alles, was er tut, gelingt.“
Lass uns noch kurz einen Abstecher zum Sternbild Südlicher Fisch machen, das südlich von „Wassermann“ und südlich des Himmelsäquators zu finden ist.
Das Sternbild Südlicher Fisch zählt zu den 48 antiken Sternbildern des berühmten Astronomen Claudius Ptolemäus (ca. 100 n. Chr. bis 175 n. Chr.). Es ist sehr viel älter als das Sternbild Fische, das Bezug zum gleichnamigen Tierkreiszeichen hat. „Südlicher Fisch“ gilt als Vorfahre von „Fische“. Er wurde einst mit der babylonischen Gottheit Oannes in Verbindung gebracht, einem Mischwesen aus Mensch und Fisch. In der mesopotamischen Mythologie galt Oannes als erster Kulturbringer, also als einer, der den Menschen Wissen und Zivilisation brachte.
Der Ursprung des Sternbildes Wassermann liegt also im Vorderen Orient. Es wurde mit dem Schöpfergott Enki, Gott des Süßwassers, assoziiert und hatte einen ganz direkten Wasserbezug. Wasser war die Ursubstanz, die Leben und Fruchtbarkeit ermöglichte. Zur damaligen Zeit hatten das Sternbild Wassermann und der Wasserträger – für mich zweifelsfrei – einen eindeutigen Bezug zum Element Wasser.
Wir können auch einen kurzen Blick nach Ägypten wagen. Dort war der altägyptische Gott Hapi die Verkörperung der Nilflut, deren Überschwemmungen große Fruchtbarkeit ins Land brachten. Der Nil machte die Wüste fruchtbar und war auch dort die Grundlage für das Entstehen von Zivilisation.
Wir sehen: Mit Wasser ging es um das Überleben, denn Leben war früher Überleben. Es wurde viel Zeit darauf verwendet, das Überleben zu sichern. Ohne Euphrat, Tigris und Nil hätte es im Zweistromland und in Ägypten keine Landwirtschaft gegeben. Die Ernte und damit das Überleben hingen vom Wasser und den Bewässerungssystemen ab.
Es sei ein Vergleich des Wassergottes Enki mit der Erdgöttin Demeter, Göttin der Fruchtbarkeit und des Ackerbaus, erlaubt. Sowohl Enki als auch Demeter sicherten das Überleben der Menschen und sorgten dafür, dass die Erde fruchtbar war. Sie wachten über das Leben auf der Erde. In ihren Händen lag auch „Gedeih und Verderb“. Die Wasseramphore von Enki entsprach dem Füllhorn von Demeter. Beides war Symbol für Nahrung und Wohlstand.
Wasser ist die Quelle des Lebens und eine Segensgabe Gottes. Es hat einen nährenden Aspekt und stillt den Durst. Du merkst es spätestens dann, wenn Du keines hast. Wir verdursten deutlich schneller, als wir verhungern. Wasser dient dem Erhalt von Mensch und Tier. Als Regen kommt es vom Himmel oder als Quelle aus den Tiefen der Erde. Wasser ist lebenspendend und lebenserhaltend. Nur Wasser vermag, eine Wüste in eine Oase zu verwandeln.
„When the well is dry, we know the worth of water.“
Benjamin Franklin

Im Laufe der Zeit haben sich die Dinge geändert und der „Wassermann“ konnte aus einem anderen Blickwinkel betrachtet werden, aus einer intellektuellen Perspektive. Wasser ist zwar immer noch überlebenswichtig, aber die Sicherung des Überlebens ist heute nicht mehr unser täglich Brot. Die Zeit, die wir heute für unser physisches Überleben, d. h. Nahrungsbeschaffung, aufwenden, ist gering im Vergleich zur damaligen Zeit.
Wir dürfen den Wasserfluss des Wasserträgers heute anders denken, nämlich als Gedanken- oder Ideenfluss, und so ist es nachvollziehbar, dass anstelle von Saturn (Erde) ein neuer Herrscher für das Wassermann-Zeichen ausgemacht wurde: Uranus (Luft).
Ob Wasserfluss oder Gedankenfluss … Wasser symbolisiert Weisheit.
„As pure water poured into pure water becomes one with it, so also,
Katha Upanishad 2.1.15
O Gautama, does the Self of the sage who knows.“
Eine Zuordnung zum intellektuellen Element Luft und die Betrachtung der Wellen als geistigen Fluss oder Gedankenfluss sind angebracht. Vergessen sollten wir auch nicht, dass Wissen oft als Wasser dargestellt wird. Daher der Begriff „Wissensdurst“.

„Des Menschen Seele
J. W. von Goethe (Aus: Gesang der Geister über den Wassern, 1779)
Gleicht dem Wasser:
Vom Himmel kommt es,
Zum Himmel steigt es,
Und wieder nieder
Zur Erde muß es,
Ewig wechselnd.“
„Fluss“oder „Strömung“ bedeutet fließende, gerichtete Bewegung. Das kann sowohl Wasser als auch Luft sein. Beides sind Symbole für Energiefluss und Bewegung. „Alles fließt, nichts bleibt“, sagte einst Heraklit von Ephesos. Das Zeichen Wassermann ist das 3. Luftzeichen im Tierkreis. „Luft“ ist geistig. Wenn wir den Wasserträger heute im Zusammenhang mit dem Zeichen Wassermann und seiner Bedeutung betrachten, dann ist das, was aus dem Krug fließt, geistige Energie oder schöpferischer Lebensatem. Durch Wassermann gesprochen sind es Ideen, die Basis für Neues und Erneuerung.
„Die Idee des Meeres ist in einem Wassertropfen vereint.“
Spinoza
Im astrologischen Tierkreis finden wir das Zeichen Löwe (5. Haus, Sonne) gegenüber dem Zeichen Wassermann und mit „Löwe“ das individuelle Ego bzw. das individuelle Bewusstsein. Das Selbstbewusstsein.
„Wassermann“ geht über das individuelle Bewusstsein hinaus und ist kollektives Bewusstsein. Er geht raus aus der Begrenzung hin zu kosmischem, universellem Bewusstsein. So ist das, was ausgegossen wird – um beim Wasser zu bleiben –, kosmisches Wasser als Symbol für universelles Bewusstsein. Dieses Bewusstsein gilt als Quelle von allem Sein und Werden und ist ewig.
„We are the cosmos made conscious.“
Brian Cox
Das universelle Bewusstsein ist ein kollektiver Bewusstseinszustand, der alle Dinge miteinander verbindet. „Wassermann“ ist (Frei)geist und starke geistige Schöpferkraft. Er steht für Neuschöpfung, Neuordnung, Neuerung und Erneuerung.

„I am no longer the wave of consciousness thinking itself separated from the sea of cosmic consciousness. I am the ocean of Spirit that has become the wave of human life.“
Paramahansa Yogananda
Das Zeichen Wassermann folgt auf das Zeichen Steinbock. Der Herrscher von Steinbock ist Saturn, der wiederum der alte Herrscher von Wassermann ist. Rufen wir uns Saturn als Gott des Ackerbaus und der Fruchtbarkeit ins Gedächtnis zurück, dann passt er im Zusammenhang mit Wasser ganz wunderbar dorthin.
Steinbock ist ein Arbeitstier. Mit ihm erklimmen wir die höchsten Gipfel und streben ganz nach oben. Es ist der Weg zum Erfolg oder zur Meisterschaft. Mit Steinbock sind wir ganz oben angekommen, könnte man sagen.
Der Humanist im Tierkreis, ja, das ist Wassermann. Er ist das vorletzte Zeichen des Tierkreises, bevor sich mit „Fische“ alles auflöst. „Wassermann“ ist ein Menschenfreund (Motto: „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit“). Er teilt die in „Steinbock“ gewonnenen Einsichten und Erfahrungen mit den Menschen und – um beim Bild des Wasserträgers zu bleiben – gießt das neue Bewusstsein sinnbildlich aus dem Krug auf die Menschheit. „Wassermann“ gibt sein Wissen, seinen „Geist“ gerne an die Menschen, an Gleichgesinnte weiter, um sie zu inspirieren und neue Ideen kundzutun. Ausgegossen wird lebendiges Wasser im Sinne von geistigem Lebenswasser. Es ist göttliche Eingebung und Inspiration.
„If there is magic on this planet, it is contained in water.“
Loren Eisely
Der das Wasser aufnehmende „Südliche Fisch“ steht für unseren geistigen Durst. „Wassermann“ vermag diesen Durst zu stillen, indem er lebendiges Wasser schenkt.
Die Bibel empfinde ich als Fundgrube für so vieles, und so lass uns abschließend einen Blick dorthin werfen, um zu sehen, was wir in diesem Zusammenhang finden. Wenn in der Bibel von Durst die Rede ist, dann geht es um die Sehnsucht nach Gott und den Wunsch nach Wissen und Weisheit, nach Einsicht und Erkenntnis. Durst möchte gestillt werden.
„Eigentlich gibt es kaum etwas Schöneres auf Erden als Durst, den man stillen kann. Drei Tage Wüste ohne Getränke und dann einen Eimer Wasser, das ist der Himmel auf Erden.“
T. E. Lawrence (Spitzname: Lawrence von Arabien)
Die Bibel spricht von
- (Lebens)quelle, was wir mit „Wassermann“ oder „Wasserträger“ assoziieren können
- (lebendigem) Wasser. Du erinnerst Dich an den „Fluvius Aquarii“?
- (Lebens)durst, was wir mit „Südlicher Fisch“ verbinden können
„Ich will dem Durstigen geben von der Quelle des lebendigen Wassers umsonst.“
Offenbarung 21,6; Lutherbibel 2017
Ein Wasserkrug ist ein heiliges Gefäß. In vielen Kulturen repräsentiert er das Leben und die Fruchtbarkeit. Wir wissen: Wasser ist Leben. Den Menschen dürstet nach Wasser und nach einem erfüllten Leben.
„Meine Seele dürstet nach Gott, nach dem lebendigen Gott …“
Psalm 42,3; Schlachter 2000
Das Wasser ist Sinnbild für den Heiligen Geist, der sich ergießt … auf die, die durstig sind …
„Denn ich will Wasser gießen auf das Durstige und Ströme auf das Dürre: Ich will meinen Geist auf deine Kinder gießen und meinen Segen auf deine Nachkommen.“
Jesaja 44,3; Lutherbibel 2017
Wasser ist Gottes (reicher) Segen, göttliches Wohlwollen, ein Geschenk Gottes, eine Gottesgabe, himmlischer Beistand, Heiliger Geist … Man findet viele Ausdrücke.
Das Ausgießen von Heiligem Geist ist ein Geschenk für alle Menschen. Die Begriffe „Heiliger Geist“, „Wasser des Lebens“ und „lebendiges Wasser“ können synonym verwendet werden. Der „Atem Gottes“ oder Heilige Geist verbindet Vater und Sohn. Das Fische-Symbol steht für den Sohn Gottes. Ohne Wasser ist kein Leben möglich und ohne Wasser liegt ein Fisch „auf dem Trockenen“. Das Fische-Symbol ist jahrtausendealt und reicht weit in die Zeit vor Christus. Fische symbolisieren Leben und Fruchtbarkeit.
„Wer an mich glaubt, von dessen Leib werden, wie die Schrift sagt, Ströme lebendigen Wassers fließen.“
Johannes 37,8; Lutherbibel 2017
Wasser steht für geistlich und spirituell, Luft für geistig und intellektuell. Was „Wassermann“ anbelangt, dürfen wir heute in größeren und andersartigen Dimensionen denken, denn die Zeiten haben sich geändert. „Wassermann“ verlangt nach Offenheit und Unvoreingenommenheit, auch gegen Widerstände. Du weißt ja: Ohne Widerstand kein Wachstum.
„Der Herr ist der Geist; wo aber der Geist des Herrn ist, da ist Freiheit.“
2. Korinther 3,17; Lutherbibel 2017
Mein Resümee:
Wasser und Luft – beides ist salopp gesagt Energie. Man kann diese Energie als reales kühles Nass oder mit Spiritualität oder Geistigkeit in Zusammenhang bringen.
„Wassermann“ hatte früher eindeutig einen Bezug zum Element Wasser. Da machte der alte Herrscher Saturn auch Sinn, der als Gott für Ackerbau und Fruchtbarkeit stand. Vergleichbar mit Enki galt Saturn als Zivilisationsbringer. Fruchtbarkeit ist das Fundament für Zivilisation. Wasser ist Leben!
Im modernen Zeitalter dürfen wir „Wassermann“ anders denken. Die Zivilisation hat sich von einer agrarisch geprägten Gesellschaft zu einer industriellen, technologisch hoch entwickelten Gesellschaft weiterentwickelt. Unser „täglich Brot“ ist heute ein anderes als früher.
Saturn hat ja bereits ein „Zuhause“: im Erd-Zeichen Steinbock und 10. Haus.
Der Planet Uranus wurde Ende des 18. Jahrhunderts entdeckt, im Zeitalter der Aufklärung. Es war eine Geistesströmung (wie passend!), die die Vernunft an oberste Stelle setzte. „Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen“, sprach Immanuel Kant.
Uranus passt ausgesprochen gut als neuer Herrscher von Wassermann. In Form des Wasserträgers schenkt er den Menschen geistiges Wachstum und Weisheit. Wachstum braucht Erneuerung. Mit Wassermann/Uranus ist es der Fluss der geistigen Erneuerung. Wozu? Um höhere Bewusstseinsebenen zu erreichen. Und Weisheit? Weisheit ist ein nie versiegender Quell.
„In einem Garten ging das Paradies verloren – in einem Garten wird es wiedergefunden.“
Blaise Pascal

Und wenn es um Wasser und Luft, also um Leben geht, dann ist es manchmal gut, sich in Erinnerung zu rufen:
„We forget that the water cycle and the life cycle are one.“
Jacques-Yves Cousteau
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